„Ein gutes Foto strahlt über seinen Rand hinaus“

Diesen Beitrag teilen

Interview mit Vera Dondelinger, Foodbloggerin aus Heidelberg

„Ein gutes Foto strahlt über seinen Rand hinaus“

Richtig gute Fotos findet man nicht nur in Magazinen und Ausstellungen. Auch viele Foodblogger haben sich inzwischen zu richtigen Profis entwickelt. Eine von ihnen ist Vera Dondelinger mit ihrem Blog „Nicest Things“ (www.nicestthings.com). Die 30-Jährige aus Heidelberg bezeichnet sich selbst als „perfektionistischer Ästhetikfreak“ und schreibt am liebsten über Essen, Interieur und DIY-Themen. Im Interview verrät sie einige Ihrer Foto-Tricks.

Bitte erzähl uns zunächst ein wenig über Dich selbst. Wie bist du zum Bloggen und zur Fotografie gekommen?

Vera: Generell mochte ich schon immer alles Schöne und bin ein visueller Mensch, seit ich denken kann – sei es ein mit Liebe zum Detail angerichtetes Essen oder eine harmonische Inneneinrichtung. Meine erste Kamera bekam ich mit fünf Jahren. Zunächst war ich allerdings skeptisch, daraus einen Beruf zu machen, und so habe ich mich rein rational für ein Medizinstudium entschieden. Da fehlte mir das optisch Reizvolle aber doch sehr, und letztendlich hat mich wohl genau dieses faktenorientierte Studium dazu gebracht, in einer spontanen Aktion eines Nachts mit dem Bloggen zu beginnen. Ich brauchte einfach einen kreativen Ausgleich und da neben der Ästhetik das Schreiben meine zweite große Leidenschaft ist, hatte ich so das perfekte Ventil für mich gefunden.

Was machst du gerade? Wo bist du?

Ich sitze an meinem Schreibtisch in unserer Heidelberger Altbauwohnung, habe mir gerade frischen Tee aus der Küche geholt und wische mit dem Monitor-Putztuch ein bisschen an meinem Notebook rum, während ich mir die Antworten auf diese Fragen überlege.

Worüber bloggst Du am liebsten?

Ich fotografiere besonders gerne Essen. Ganz klar! Da könnte ich stundenlang mit dem schönsten Lichteinfall, dem besten Fotountergrund und den passendsten Requisiten experimentieren. Essen ist lebendig, es hält aber trotzdem still – na gut, bis auf Eiscreme vielleicht. So kann ich meinem Perfektionismus in langen Shootings freien Lauf lassen. Fast genauso gerne blogge ich aber über Interieur-Design, da man sich auch hier beim Stylen, Arrangieren und Spiel mit den Farben und Formen so richtig austoben kann.

Ist das Bloggen für Dich nur ein Hobby oder kannst du damit deinen Lebensunterhalt verdienen?

Von der Blogvermarktung alleine könnte ich meinen Lebensunterhalt wohl nicht bestreiten. Allerdings haben sich durch das Bloggen mit der Zeit sehr viele schöne Kontakte ergeben, so dass ich mich mittlerweile als Online-Dienstleister im weitesten Sinne selbstständig gemacht habe. Ich mache Produktfotos für Onlineshops, Stylings für E-Mags und Zeitschriften, setze Konzepte für Kunden aus dem Wohn-, Design- und Lebensmittelbereich um, mache ein bisschen Marketing und habe erste Erfahrungen als Autorin und Kuratorin gesammelt ... Der Blog ist also meine digitale Visitenkarte, die mir immer neue und spannende Aufträge einbringt, von denen ich mittlerweile gut leben kann.

Hast du momentan einen Lieblingsblog?

Hmm, eine schwierige Frage. Es gibt so viele Blogs, die ich gerne lese. Zur Zeit sind es vor allem Food-Blogs wie "Tartelette" von Helene Dujardin und "La Tartine Gourmande" von Béatrice Peltre.

Woher nimmst du deine Inspiration?

Zum Beispiel von den genannten Blogs, die ich für ihren Stil und ihre Kreativität bewundere. Eigentlich gibt es nichts, was keine Inspiration sein kann. Sei es ein kleiner Dekoladen in einer Hinterstraße, das frische Angebot auf unserem Wochenmarkt, ein tolles Online-Magazin, eine besonders schöne Entdeckung auf Pinterest, ein Spaziergang im Regen, eine französische Kochzeitschrift, die Farben eines neuen Geschirrtuches oder ein Gespräch mit meiner Lieblingsbäckerin ... Inspiration gibt es überall!

Du machst deine tollen Fotos alle selbst. Wo hast du das gelernt?

Ganz klassisches Learning by Doing. Ich habe nie einen Fotokurs besucht. Die ersten Fotos für den Blog habe ich noch mit einer kleinen Kompaktkamera gemacht – und auch, wenn ich über manche meiner früheren Bilder ein bisschen schmunzeln muss, es war gut so. Ich möchte diese Zeit nicht missen! Die technischen Grenzen waren mein bester Lehrer.

So habe ich mich intensiv mit Bildsprache und Komposition auseinandergesetzt und versucht, das Möglichste aus der Kamera herauszuholen. Mit der Zeit kamen dann natürlich auch eine DSLR mit Vollformatsensor hinzu und verschiedene Objektive. Das technische Wissen findet man überall im Internet. Und immer, wenn mir ein Foto in einer Zeitschrift oder im Internet besonders gut gefallen hat, habe ich versucht zu analysieren, was genau die Magie dieses Bildes ausmacht. Das habe ich dann probiert, auf eigene Art und Weise in meinen Fotos umzusetzen. Oft habe ich 200 Fotos machen müssen, um am Ende nur ein gutes zu haben. Manchmal auch keines.

Ich denke, wer Fotografieren lernen will, muss vor allem viele Fotos machen - und auch viele schlechte Fotos machen. Man muss sich immer fragen: Was funktioniert, was funktioniert nicht? Die Antwort findet man nur heraus, wenn man viel ausprobiert und so mit der Zeit ein Gefühl für Licht, Farben, Formen und Kompositionen bekommt.

Was bedeutet dir die Fotografie?

Für mich bedeutet Fotografie, meine persönliche Definition von visueller Ästhetik mit anderen zu teilen. Ich möchte dabei aber nicht nur Schönes abbilden, sondern Stimmungen vermitteln und Geschichten erzählen. Dafür ist das, was nicht oder nur verschwommen auf einem Foto drauf ist, genauso wichtig wie das, was es konkret und scharf abbildet. Ein Stück Johannisbeerkuchen lässt so im Kopf des Betrachters im besten Fall ein ganzes Kopfkino entstehen: Von einem Sommertag auf dem Land, von blühenden Wiesen und schattigen Plätzen unter alten Bäumen, von einer gemütlichen Landhausküche und vielleicht auch davon, dass der Sommer bald schon zum Herbst wird. Wenn das alles in einem Kuchenfoto drinsteckt, dann ist es ein gutes Bild.

Wie lange arbeitest Du an einem Foto?

Alles in allem arbeite ich an einem Foto ungefähr zwei Tage. Nehmen wir einmal ein Foodfoto als Beispiel: Zunächst suche ich ein Rezept oder entwickle es selber. Schon dabei versuche ich, die Zutaten gedanklich zu visualisieren, mir die Texturen und Farben vorzustellen. Als Nächstes plane ich das Setting: Welcher Untergrund passt am besten zum Gericht, welches Geschirr, welche Textilien verwende ich? Wie harmoniert das alles mit den Farben und Formen des Essens? Ich baue das Setting testweise schon einmal komplett auf.

Dann, während der Zubereitung des Gerichts, denke ich immer schon an das Foto. Zum Beispiel koche ich Pasta für Fotos sehr viel kürzer, damit sie nicht matschig aussieht, oder ich lege bei einem Nachtisch die schönsten Beeren als natürliche Fotorequisite für später zur Seite.

Das Shooting selbst läuft meistens unter Beinahe-Studiobedingungen ab: Ein fester Fotoplatz, auf den ich den Untergrund lege, links davon ein Fenster mit Voile-Stoff als natürliche Softbox und rechts davon ein großer Faltreflektor. Foodfotos mache ich immer mit Stativ und manuellem Fokus. Fotografiert wird im manuellen Modus, die ISO-Empfindlichkeit so niedrig wie möglich, die Blende je nach Perspektive gerne etwas weiter offen für eine schöne Tiefenunschärfe. Bei schlechten Lichtbedingungen und demzufolge langen Belichtungszeiten nutze ich einen Fernauslöser.

Neben mir habe ich immer eine Pinzette, ein Tuch und eine Wassersprühflasche, um das Essen in Form zu bringen und zu halten. Gleichzeitig erzeuge ich bewusst Chaos im Setting, zum Beispiel durch zufällig verstreute Brotkrümel, damit die Bilder lebendiger wirken. Während des Shootings¬ verrücke ich meine Objekte ständig und ändere immer wieder die Perspektive, so dass ein Shooting bis zu zwei Stunden dauern kann. Ich mache rund 150 Fotos im RAW-Format. Für die anschließende Bildbearbeitung nutze ich Adobe Lightroom.

Welches Equipment benutzt du?

Ich fotografiere mit einer Vollformat-DSLR. Für Foodfotos verwende ich in 90 Prozent der Fälle nur ein einziges Objektiv, das Tamron SP 90mm F/2.8 Di VC USD MACRO 1:1. Für Interieur nutze ich zudem ein 17-40mm f/4,0 Weitwinkel-Zoomobjektiv. Außerdem verwende ich einen Batteriegriff, ein Stativ, verschiedene Fernauslöser sowie mehrere Reflektoren. Zusätzlich habe ich noch zwei externe Blitze, Lichtzelte und Softboxen, generell fotografiere ich aber am liebsten bei Tageslicht.

Was würdest du anderen raten, die sich von deiner Art der Fotografie inspiriert fühlen?

Meine Fotos sind sehr detailverliebt durchgestylt, und wenn sich jemand davon inspiriert fühlt, dann müsste ich wohl raten, ein kleiner Perfektionist zu sein und auf alle Details zu achten. Es gibt so viele Möglichkeiten, mit Licht, Farben, Texturen, Requisiten und Setting das auszudrücken, was man sagen will. Lasst all diese Faktoren dieselbe Sprache sprechen, um ein atmosphärisch dichtes Foto zu erhalten – oder setzt absichtlich Kontraste. Denkt immer: Warum mache ich es genau so und nicht anders?

Wenn die zu fotografierende Pasta geriffelt ist, greift dies zum Beispiel in einem geriffelten Schälchen für das Pesto wieder auf. Oder lasst die Farbe von Pfirsichen richtig knallen, indem ihr sie in ein blaues Körbchen legt (Komplementärkontrast!). Der Betrachter wird das vielleicht gar nicht bewusst wahrnehmen, aber es sind solche Feinheiten, die viel zur Ästhetik des Bildes beitragen.

Was macht ein Foto zu einem guten Bild?

Ein Foto ist meiner Meinung nach dann gut, wenn es neben der darstellenden, beschreibenden Ebene noch auf einer anderen Ebene wirkt: Es sollte eine Geschichte erzählen, beim Betrachter Kopfkino, Gefühle und Gedankenspiele auslösen, und es sollte möglichst nicht an den Kanten zu Ende sein. Es muss quasi über seinen Rand hinausstrahlen.

Die Reflexion der Sonne in einem Limonadenglas erzählt viel vom Sommertag, der gerade drumherum passiert, ohne dass die Sonne direkt auf dem Bild zu sehen ist. Als Fotograf sollte man selbst fasziniert vom Fotoobjekt sein und eine emotionale Beziehung dazu haben. Wer von seinem Objekt gelangweilt ist, macht vielleicht ein technisch astreines Foto, aber aller Wahrscheinlichkeit nach auch ein langweiliges.

Vielen Dank für das Interview, liebe Vera.

Über den Autor: Vera Wohlleben

In ihrem Blog „Nicest Things“ berichtet Vera Wohlleben nicht nur über leckere Rezepte und attraktive Dekorationen fürs eigene Heim. Die Heidelbergerin bietet auch regelmäßig einen Blick hinter die Kulissen und beschreibt ausführlich, wie ihre wunderschönen Fotos entstehen. Unser Lesetipp: http://www.nicestthings.com/2014/03/blogging-tips-and-tricks-behind-scenes.html

Erfahren Sie mehr über den Autor bei:

Ähnliche Artikel